RECHT AUF LEBEN

Biene auf Kugeldistel
© Rainer Daus

Was bislang nur »Insidern« (Familie, engste Freunde) bekannt war: dass ich mich für Staudengärten begeistere und für Insektenschutz engagiere. Seit 2016 bin ich bemüht, nicht überbaute Freiflächen meines Grundstücks in Raumland Schritt um Schritt in Staudenareale umzuwandeln. Dies ist mein konkreter Beitrag für den Arten- bzw. Insektenschutz, und indem ich dieses Thema – »Staudengärten sind nachhaltiger Insektenschutz« – auch in die Öffentlichkeit kommuniziere sowie »strategische Partner« zu gewinnen suche (z. B. Grundschulen, Unternehmer / Einzelhändler in der Stadt usf.), hoffe ich, dass weitere Menschen meinem Beispiel folgen, das heißt Stauden pflanzen (wie z. B. Ochsenzunge, Dost, Duftnessel, Gamander usf.), sodass die Insekten, die wie wir ein Teil unserer Schöpfung sind, immer was Leckeres zu fressen haben und »nachhaltig« überleben können.

RECHT AUF TOD

Ich bin für aktive Sterbehilfe, und das nicht nur in dem Fall einer zweifelsfrei diagnostizierten und also unausweichlich zum Tod führenden Erkrankung, sondern selbst dann, wenn jemand ganz fest entschlossen ist, nicht mehr leben zu wollen. Auch wenn die Zahlen in den Statistiken seit 1981 einen kontinuierlich rückläufigen Trend aufweisen mögen: Es gibt immer noch fast 10.000 Menschen jedes Jahr in Deutschland, die sich selbst töten, Menschen, wie der ex-Nationaltorhüter Robert Enke beispielsweise († 10. November 2009), Menschen, die trotz familiärer Hilfe und Therapien und medikamentöser Behandlung nicht mehr leben wollen, vielleicht auch nicht mehr leiden wollen, und sich – weil es keine »humanere Möglichkeit des selbstbestimmten Sterbens gibt« – auf die Schienen stellen oder von einem Hochhaus springen oder sich den Kopf wegschießen mit einer Bockbüchsflinte. Es ist nicht immer leicht für Angehörige, Freunde und so fort, nachzuvollziehen, warum jemand nicht mehr leben möchte, aber so, wie es ein Recht auf Leben gibt, so muss es auch ein Recht auf Sterben bzw. Tod geben, auch wenn ich weiß, dass sich der »Staat« nicht der »Beihilfe« schuldig machen darf. Die eigentliche (moralische) Entscheidungsinstanz in dieser Frage ist der je einzelne (betroffene / leidende ) Mensch und wenn dieser Mensch nicht mehr leben will und diesen Willen frei bekunden kann, dann muss für ihn eine (rechtliche) Möglichkeit geschaffen werden, dass er sein Leben würdevoll beenden kann, selbst dann, wenn er körperlich gesund ist. Vor diesem Hintergrund halte ich das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Februar 2020 für richtungsweisend, welches ausdrücklich ein »Recht auf selbstbestimmtes Sterben« anerkennt, wobei hinzugefügt wird, dass dieses Recht die Freiheit einschließe, »sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen«, und zwar unabhängig vom Alter, vom Gesundheitszustand, von besonderen Motiven oder irgendwelchen moralischen oder religiösen Erwägungen. Angesichts dieses Karlsruher Urteils bin ich davon überzeugt, dass Menschen irgendwann (wann?) nicht mehr so werden handeln müssen, wie ich es in meinem Gedicht »Montabaur, nachts um halb drei« thematisiert habe.

Montabaur, nachts um halb drei

Sie hatten das Leben hinter sich.
Das wussten sie.
Alle vier.
Denn sie waren schon alt.
Sehr alt.
91, 87, 85, 83.
Sie wussten,
was kommen würde,
unausweichlich.
Krankheit,
Siechtum,
Schmerzen,
Altersheim,
Hospiz,
so was in der Art.
Also setzten sie sich
in ein Auto.
Fuhren auf die A 3.
Richtung Bonn.
Knallten kurz hinter Montabaur
mit 180 Sachen
gegen einen Betonbrückenpfeiler,
nachts um halb drei.
Ein Trümmerfeld.
In den Zinkwannen Klumpen
von menschlichem Matsch.
»Das ist ja alles so tragisch,
so schlimm!«,
sagen verschiedene Leute am nächsten Tag,
Leute,
die vorgeben,
die Alten gekannt zu haben.
Was die Leute aber nicht
gesagt haben
den Journalisten von der Zeitung
und dem TV:
Dass es das Schlimmste ist,
ein ethisches Verbrechen,
wenn ein Mensch,
der nicht mehr will,
keine Hilfe bekommt,
sodass er nicht mehr muss.

[aus: Die Jungfrau aus dem Norden. Gedichte. Berlin 2019, S. 90 f.]